Interview - Warum Alexander Bonde (Grüne)in der Afghanistan-Frage nicht der Parteiempfehlung folgt
Ω Herr Bonde, wie begründen Sie Ihr Ja zum ISAF- und Tornado-Einsatz?
Alexander Bonde: Der Parteitag hat mich in einen enormen Gewissenskonflikt gestürzt. Einerseits brauchen wir dringend mehr zivilen Wiederaufbau in Afghanistan, dazu braucht es eine militärische Absicherung. Andererseits bin ich gegen den Tornado-Einsatz und würde ihn bei einer separaten Abstimmung, wie schon im März, wieder ablehnen. Der Aufbau der Zivilgesellschaft in Afghanistan ist für mich ein Schlüssel, damit die Menschen dort die Chance auf ein besseres Leben haben. Ich war in Afghanistan und habe daher nicht nur Statistiken vor Augen, sondern Menschen, die auf diese Absicherung sehr angewiesen sind. Dazu ist die Bundeswehr unverzichtbar.
Ω Die Tornados sind für Sie also das kleinere Übel?
Sie sind eine bittere Pille. In meiner Abwägung fallen für mich die Aufklärungsflugzeuge nicht so stark ins Gewicht, dass ich deshalb meine Zustimmung zur Sicherung des zivilen Aufbaus verweigern könnte. Den betroffenen Menschen in Afghanistan könnte ich damit nicht in die Augen sehen.
Ω Kommt es bei so einer Entscheidung wirklich nur aufs Gewissen an, nicht auch auf Fraktionsdisziplin?
Fragen von Leben und Tod haben eine Gewissensdimension, hinter der die Fraktionsdisziplin klar zurückstehen muss. Laut Grundgesetz muss ich genau abwägen, was ich vor mir und anderen verantworten kann. Diese Entscheidung ist für niemanden leicht, und ich habe hohen Respekt vor allen, die zu einem anderen Ergebnis kommen.
Ω Warum werden Ihrer Meinung nach ISAF- und Tornado-Abstimmung überhaupt gekoppelt?
Bonde: Dahinter steckt eine Taktik – die Bundesregierung hofft auf mehr Ja-Stimmen in der SPD als bei einer einzelnen Tornado-Abstimmung. Sauberer wäre eine getrennte Entscheidung gewesen, obwohl natürlich die Tornados Bestandteil der ISAF-Operation sind.
Ω Wie hat die Grünen-Basis in Ihrem Wahlkreis reagiert?
Bonde: Ich habe im Vorfeld mit vielen Menschen gesprochen. Der Kreisparteitag hat Verständnis signalisiert für den Fall, dass ich zu einem Ja komme. Ich bekomme viele Mails von Mitgliedern, die mir zustimmen oder zumindest meine Argumente nachvollziehen können. Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, die ein anderes Verhalten wünschen.
Ω Mit Ihrem Ja stellen Sie sich also durchaus gegen manches Parteimitglied und auch gegen die Empfehlung des Parteitags. Fühlen Sie sich bei den Grünen eigentlich noch daheim?
Die Grünen sind meine Partei. Wir haben uns am intensivsten mit Afghanistan befasst. Mich überzeugen andere Parteien nicht, die die Afghanistan-Frage gar nicht diskutieren, sondern alles mitmachen, nur weil sie regieren, oder kategorisch gegen alles sind. Die Grünen gehen am verantwortungsvollsten mit dem Thema um, warum sollte ich mich da nicht mehr daheim fühlen?